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Die Rachepsalmen - wie sind sie zu verstehen?

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1 Die Rachepsalmen - wie sind sie zu verstehen? on Sun Sep 27, 2009 5:26 am

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„Rache ist süß – wohin mit unseren unheilen Gefühlen“
Die Psychologie der Rachepsalmen


Am Anfang des XXI. Jahrhunderts leben wir in einer von Terroranschlägen gezeichneten Welt, viele Wunden zwischen Völkern und Einzelpersonen sind nicht geheilt. Nicht wenige Leute hegen Rachegedanken – denn Rache ist ja so süß.
Rache ist kein angenehmes Phänomen. Viele verstehen, dass es äußerst negativ ist. Zur gleichen Zeit werden damit auch mehrere positive Momente wie Gerechtigkeit, Unabhängigkeit und Selbstschutz verknüpft.
Rache ist ein ernstes Problem für die „guten“ Menschen, die denken, dass sie damit nichts zu tun haben dürfen. Sie fühlen sich schon dann schuldig, wenn sie ihre negativen Emotionen nicht verbergen können, geschweige denn Worte und Taten.
Es gibt Leute, die dann ihre Bibel aufschlagen und dort Hilfe suchen. Rachegedanken finden wir schon am Anfang der Bibel: 1. Mose 4:24 „Kain soll siebenmal gerächt werden, aber Lamech siebenundsiebzigmal“; und weiter zieht sich der Faden durch die ganze Heilige Schrift. Römer 12:19b „Die Rache ist mein; ich will vergelten, spricht der Herr.“
Wohl lautet eine erste Erklärung, dass diese Stellen „typisch alttestamentlich“ seien und zu einer Gesetzesreligion gehören würden – also vorchristlich seien. Das zeugt von unseren Vorurteilen gegenüber AT und Judentum. Es ist nicht wahr, dass die Hebräische Bibel eine zügellose Vergeltungsreligion vertritt. Das AT spricht auch über Gottes überschwängliche Liebe:
Jeremia 31:3 „Ich habe dich je und je geliebt, darum habe ich dich zu mir gezogen aus lauter Güte.“
5. Mose 7:9 “So sollst du nun wissen, dass der HERR, dein Gott, allein Gott ist, der treue Gott, der den Bund und die Barmherzigkeit bis ins tausendste Glied hält denen, die ihn lieben und seine Gebote halten.”
Schon das AT spricht von allumfassender Vergebung: Jesaja 55:7 „Der Gottlose lasse von seinem Wege und der Übeltäter von seinen Gedanken und bekehre sich zum HERRN, so wird er sich seiner erbarmen, und zu unserm Gott, denn bei ihm ist viel Vergebung.“
Auf der anderen Seite enthält auch das NT eine Sehnsucht, dass die Widersacher Gottes für ihr Unrecht ihren Lohn erhalten: 2. Thessalonicher 1:6 “Denn es ist gerecht bei Gott, mit Bedrängnis zu vergelten denen, die euch bedrängen.“
Eine besondere Rolle spielen die Psalmen. Beim fortlaufenden Lesen begegnen uns dort einige sehr harte Vergeltungsgedanken. Am drastischsten sind wohl diese: „Gott, zerbrich ihnen die Zähne im Maul ... HERR, du Gott der Vergeltung, du Gott der Vergeltung, erscheine! … Wohl dem, der deine jungen Kinder nimmt und sie am Felsen zerschmettert!” (Psalm 58:7; 94:1; 137:9)

Was wollen die Racheaussagen in Psalmen? Wo und wie sind sie zu gebrauchen?
Beim Psalter denken wir gewöhnlich an etwas Prachtvolles, Erhabenes.
Die Theologie benutzt auch das Wort „Rachepsalmen“ und versteht darunter kürzere oder längere Abschnitte aus mehr als 37 verschiedenen Psalmen. Der Anteil der Racheabschnitte ist dort manchmal nur 1 bis 2 Verse lang (Psalm 12; 17 usw), manchmal ist der Umfang auch größer (Psalm 59; 83; 109 usw). Aber die Bezeichnung „Rachepsalm“ trifft auf keinen der 150 Psalmen voll zu. Mit großer Wahrscheinlichkeit hat den Terminus „Rachepsalm“ als erster F.A.G. Tholuck verwendet. Nebenbei: Als ich 1982/83 an der Universität Halle studierte, wohnte ich in einem Konvikt, das seinen Namen trug.

Die Bedeutung der Vergeltung in Psalmen
Im Alten Testament bedeutet die Vergeltung eine schon in der Schöpfung gegründete Bewahrung der Lebensordnung: „Wer Menschenblut vergießt, dessen Blut soll auch durch Menschen vergossen werden; denn Gott hat den Menschen zu seinem Bilde gemacht.” 1. Mose 9:6. Die Vergeltung hat hier einen positiven Klang. So verstand man die Wiederherstellung des Gesund-Seins der Gesellschaft.
Auf die Frage, ob in etlichen Psalmen ein Vergeltungsdogma vorausgesetzt sei, wird in der Theologie manchmal folgende Antwort gegeben: Es wird gesehen, dass Gott selber das Volk entsprechend dessen Verhalten zu seinem Gesetz behandelt – wo sie sündigten, dort kam auch die Strafe. Dies habe zum Vergeltungsglauben und zur Vergeltungslehre geführt.
Beim Finden der Vergeltungswünsche fragt der christliche Bibelleser mit Erschrecken, wie können wohl diese heftigen Hassausdrücke eines Frommen inspiriert sein und in der Heiligen Schrift stehen?
Offensichtlich wollen die Psalmisten hier keine „Lehre“ entwickeln, sondern sie öffnen ehrlich ihr Herz vor Gott. Sie wollen ohne Scheinfrömmigkeit aussprechen, was sie denken und wie sie sich im Moment die Hilfe Gottes vorstellen. Sie meinen: Wenn Gott in seiner Thora die Gesetzesübertreter mit einem Fluch sanktioniert hat, dann könnte ER doch diesen Fluch bei den Feinden jetzt in Kraft setzen.
Ein Orientale fürchtete den Fluch als eine reale Kraft. So war ein Fluchwort oft das einzige Schutzmittel in Fällen, wo Menschen, denen Unrecht geschehen war, keine Hilfe durch menschliche Richter zu erwarten hatten.
Wir halten fest, dass auch die Vergeltungspassagen in den Psalmen in ihrem vollen Gefüge biblische „Prophetie“ sind, das heißt, sie sind inspirierte Texte um zu verkündigen, was die Gottlosen im Jüngsten Gericht zu erwarten haben. Die Verdammung trifft wahrhaftig alle verstockten Sünder – und das noch schärfer als die Rachepsalmen es in ihrem Wortlaut aussprechen.

4 verschiedene Aspekte der Vergeltung in Psalmen
1) Die literarische Frage. So wie der Freude und dem Schmerz immer etwas vorausging, so sind auch Lob und Klage in den Psalmen eine Antwort, die etwas früher Geschehenes voraussetzen. Beide sind aus dem Leben erwachsen und sind eine natürliche Reaktion des Menschen.
Als poetische Gebete des Orientalen sind die Rachepsalmen Medien sprachlicher Bändigung der Gewalt und Anleitung zu Wegen aus der Gewalt – und das im Angesicht Gottes, der die Vision von der Welt ohne Ungerechtigkeit wach hält. Was dabei Rache genannt wird, sind morphologisch betrachtet oft nur Wünsche, die die Bestrafung der Feinde zum Inhalt haben. So zB die Seligpreisung: „Tochter Babel, du Verwüsterin, wohl dem, der dir vergilt, was du uns angetan hast! Wohl dem, der deine jungen Kinder nimmt und sie am Felsen zerschmettert!” Psalm 137:8f. Im Kontext gesehen ist dies kein Fluch, sondern der Wunsch, dass die Vergeltung vollbracht würde.
Ab und zu sind in der Geschichte Wünsche geäußert worden, dass solche Passagen ausgelassen werden könnten. Aber bei den Psalmtexten wäre es kaum möglich, denn dann müsste man nachher alle übrig gebliebenen Verse untereinander anpassen. Eigentlich gibt es aber nur zwei Möglichkeiten: Den Text so zu lassen, wie er ist, oder man müsste ihn als Ganzes streichen. Jederlei Zerstückeln aber würde weitere Fragwürdigkeiten mit sich bringen. Es wäre auch ein harter Widerspruch zur jahrhundertelangen Tradition, wo der Psalter ein Gebetsbuch der Kirche gewesen ist. Die Katholische Kirche hat jedoch einige Psalmen als für das kirchliche Stundengebet unzumutbar ausgestoßen (neues Brevier 1971).
Mit der Eliminierung der sogenannten Rachepsalmen wäre „der Ärger“ über diese Psalmen noch längst nicht beseitigt, denn außer direkter Aufrufe, Gott möge mit allen Feinden ein schnelles Ende machen, stehen im Psalter noch viele andere Äußerungen gegen die Feinde.
Im alttestamenlichen Gottesdienst gingen Hilferufe und Fluchworte gegen die Feinde Hand in Hand. Es wird vermutet, dass diese Klagepsalmen in die Liturgie der Buss- und Gebetstage Israels gehörten.
Die Psalmen sind noch keine Prosagebete, aber auch nicht mehr nur einzelne Gebetsrufe. Sie sind weder gedankliche Gedichte noch Abhandlungen eines einzigen Themas. Oft sind sie wohl Zusammenstellungen aus einzelnen Teilen, die ihre eigene Vorgeschichte haben konnten.
2) Die biblisch-theologische Frage: der Kampf der Armen. Die vom Psalmisten im Angesicht Gottes vorgetragene Klage hat die gleiche Funktion wie eine Anklage vor Gericht – es wird nach einer Veränderung der Lage gestrebt. Es ist kein um sich selbst drehendes Murren. Und fast immer sind dort die drei Beteiligten:
1. Gott, der das Gericht hält;
2. der Unterdrückte, der für sein Recht einsteht;
3. der Feind, bei dessen Verurteilung dem Unterdrückten Rettung widerfährt.
Es ist offenbar, dass die Bestrafung des Bösen, wie sie in den Rachepsalmen zum Ausdruck kommt, kein Selbstzweck ist; sie ist eher die negative Seite eines positiven Prozesses – der Errettung.
Die Vergeltung war im AT abgegrenzt. Die Verordnung „Schaden um Schaden, Auge um Auge, Zahn um Zahn; wie er einen Menschen verletzt hat, so soll man ihm auch tun” 3. Mose 24:20 war nicht nur das Gebot, Rache zu üben, sondern minderte diese gleichzeitig bis zu der Größe, wo sie nicht mehr das Zusammenleben der ganzen Volksgemeinde gefährdete.
Es ist auch zu sehen, dass die Psalmisten auf diesem Weg der Mäßigung noch weiter gehen. Sie respektieren den Satz, wo der Herr sagt: „Die Rache ist mein 5.Mose 32:35. In diesem Satz steckt eine größere Hoffnung, nämlich dass die Gerechtigkeit Gottes offenbar wird; genauso hoffen die Beter, dass dies möglichst schnell geschieht.
Bei den Rachepsalmen muss man betonen, dass sie aus der Perspektive des Opfers geschrieben und keine sadistischen Fantasien der Gewaltätigen sind. Sie fordern uns direkt heraus, über unsere Feinde und Feindbilder zu sprechen, und konfrontieren uns mit der Frage, ob wir an der Seite des Opfers oder der des Übeltäters stehen! In den Psalmen wird der Feind ernst genommen. Gegen ihn wird entschlossen vorgegangen. Wer aber zögert, sich in dieser Lage gegen den Feind zu wenden, kann der Täuschung verfallen, es gäbe gar keinen Feind und auch keine Gegner Gottes mehr. In der letzten Not ergreift der Psalmbeter die Waffen des Ohnmächtigen. Er spricht über seine Eifersucht mit Gott, protestiert gegen Sünde und Ungerechtigkeit, aber er verfällt nicht in Streit und Schadenfreude.
Viele Psalmen sind vom Wunsch bestimmt, den Feind zu überwinden. Der Beter wusste, dass er es aus eigener Kraft nicht schafft. Zusammen mit Gott aber werden die Feinde nicht mehr als Übermacht erlebt, vor der man sich unterwerfen muss. So sehen wir, dass in Bezug auf „feindliche Kräfte“ der Psalter kein Buch des Unterliegens ist, sondern ein Zeugnis über neue Hoffnung, die bei der Hinwendung zu Gott wächst.
Im alten Israel gehörte die ganze Jurisdiktion prinzipiell Gott. Durch den Fluch wurden alle (unversöhnten) schweren Verbrechen ihm als dem Obersten Richter übergeben. Das konnte z.B. am großen Versöhnungstag stattfinden (vgl. 5. Mose 27; Josua 8:30-35). Jedes Rezitieren der Rachepsalmen war in bestimmter Hinsicht eine kleine Wiederholung der großen Fluchzeremonie auf dem Berg Ebal. So wie diese alten Flüche bei den Propheten zur Drohung wurden, so werden sie bei den Psalmisten zu Gebeten.
Im allgemeinen sind die Feinde in Psalmen anonym, nur in den Klagepsalmen des Volkes sind sie ab und zu aufgezählt (Nachbarvölker Edom, Moab, Babel). Israel und Gott hatten einen gemeinsamen Bund geschlossen, und so hatte das Volk das Recht, den anderen Bundespartner zur Hilfe zu rufen.
In solchen Moment lässt der Psalmist nicht mit sich verhandeln – dem Übeltäter soll kein letztes Wort bleiben. Als Motiv für das göttliche Eingreifen dient die heimtückische Tätigkeitsweise der Feinde. Die böse Tat soll auf den Kopf des Feindes zurückkehren. Auf dem Wunschzettel der Strafen fehlt kaum etwas (Psalm 109:6-20). Es fällt auf, das die angestrebte Strafe kollektiv ist: nicht nur der konkrete Feind, sondern auch seine Familienangehörigen, Vorfahren und Nachkommen sollen zugrunde gehen.
3) Die hermeneutische Perspektive. Die Sprache der Poesie ist bildhaft. Die Einzelausdrücke der Psalmen darf man weder als dogmatische Lehrsätze deuten noch wort-wörtlich auslegen, sondern wir können sie etwas „spielend-elastisch“ ansehen und auf uns wirken lassen.
Noch weniger als bei anderen Texten dürfen wir sie aus dem Kontext herausnehmen. So sind Rachesätze als Teil eines Psalms ein Ausdruck des Schmerzes, der Hilfslosigkeit, des Nichtweiterwissens. Wir sehen aber, dass mit Gottes Hilfe am Ende dieser Psalmen ein triumphierendes Gotteslob erklingt (vgl. Psalm 35; 58; 59; 69; 70; 83; 94; 109; 139).
In den Psalmen ist oft eine Stimmung ausgedrückt und nicht eine sachliche Fakten-Darbietung. Dort wird über Freude und Hoffnung, Wut und Hass – von allem, was dem Menschen begegnet –, gesungen. So sind die schockierenden Schlussverse in Psalm 137 in Poesie gepackter elementarer Hass gegen Babel. Aber diese negative Stimmung endet mit der Liebe des Autors zu Jerusalem und Zion. Das beseelt den ganzen Psalm, und dem können viele zustimmen.
4) Das AT ist an die Diesseitigkeit gebunden. Damals herrschte die Sicht vor, dass alles, was Gott dem Menschen tut, zwischen Geburt und Tod geschieht. So bedeutete der Feind dem Israeliten eine letzte Gefährdung, und deshalb durfte und musste man ihn verfluchen. Die Vergeltungspsalmen halten uns wach, dass wir das bedingungslose Gebot der Feindesliebe nicht für selbstverständlich halten und das Vorhandensein des Bösen nicht zu leicht nehmen.
Im atl. Beichtspiegel versteht sich der Beter vor Gott immer als Gerechter, obwohl wir heute manche Fragen zu seiner Moral haben. Es ist charakteristisch, dass er stets eifrig seine Unschuld schützt. Im Gericht tritt der Psalmist immer als Ankläger auf, niemals als Angeklagter. Er will die öffentliche Bestätigung seiner Unschuld sehen. Nach seiner Meinung muss Gott im entstandenen Konflikt jemand zur Verantwortung ziehen, und weil er sich selbst unschuldig fühlt, kann es nur der Feind sein. Aber diese Anschauung ist zu simpel, um sie einfach auf das eigene Leben zu übertragen. Nicht immer war der auch gerecht, dem es gut ging.
K. Koch meint im Psalter eine Anschauung feststellen zu können, die das menschliche Tun als Saat und sein Ergehen als Ernte versteht. Manche Ernte lässt auf sich warten, weil die Tat noch nicht zu Ende gewirkt hat. Um das Schicksal zu wenden und Gerechtigkeit herzustellen, ist aber ein Eingreifen Gottes nötig.
Israel fängt nicht an, selber heimzuzahlen, sondern betet zu Gott und ruft ihn zur Hilfe (5. Mose 32:35; vgl. Römer 12:19). “Rache”, auf die Israel hofft, ist das göttliche Gericht über Spott und Bosheit der feindlichen Völker, eine Sehnsucht, dass Gott das Böse nicht zulasse.
Die Hoffnung auf eine sichtbare Bestätigung der Macht Gottes ist nicht nur alttestamentlich, sondern auch neutestamentlich.
In beiden Testamenten wird erwartet, dass Gerechtigkeit nicht nur in der unsichtbaren Welt, dem idealen Vergeltungsraum, sondern auch schon in dieser Welt geschieht. Deshalb ertönt der Ruf nach göttlichem Gericht und nach Rache auch im Buch der Offenbarung, wo Schmerz und Pein unerträglich geworden sind (Offenbarung 6:10).
Es wäre ein volles Missverstehen der biblischen Wahrheit, wenn wir Liebe und Vergeltung einfach gegeneinander stellten. Der Aufruf zur Rache, wie er in manchen Psalmen erklingt, ist zu verstehen als die Erwartung der Unterdrückten: Der Herr solle auf die Bosheit der feindlichen Völker mit dem Erweis seines Gerichts und seiner Kraft antworten.
Vor Christus war die einzig sichere Bestätigung der Sätze der Heiligen Schrift ein pragmatischer Test, nach dem denen, die im Unrecht waren, das Unheil wirderfuhr, und denen, die zur Wahrheit hielten, die Rettung. Solange die Bösen frohlockten, schien ihr Erfolg gegen die Souveränität des Gottes Israels zu sprechen. Der alttestamentliche Gläubige konnte sich mit dieser Lage nicht zufrieden geben.
Weil er sich selbst voll mit Gottes Sache identifizierte, konnte er seine Feinde immer auch als Gottes Feinde ansehen.
Nach damaliger Meinung konnte Gottes Entscheidung nur zweiseitig sein – für den Einen und gegen den Anderen. Hier hat die Psalmenfrömmigkeit ihre Grenze.
Die Änderung kam erst dann, als Christus am Kreuz für alle Menschen starb, auch für die Feinde.
Die alttestamentlichen Äußerungen über die Bestrafung und Vernichtung der Feinde sagen auch noch nicht das aus, was im christlichen Bereich unter ewiger Verdammnis zu verstehen ist.
In der Liturgie sucht man weiterhin nach Verwendungsmöglichkeiten für diese Texte, und man hat herausgefunden, dass in kontrollierter und ritualisierter Form das Durcharbeiten der Rachegedanken eine therapeutische Kraft haben kann.
In der Seelsorge sieht man, dass solche Lieder das Gewissen des Menschen in Bezug auf das Böse schärfen können, und es ist besser, in kanonischer Sprache die eigenen Aggressionen durchzuspielen als in der freien Phantasie, um dann möglicherweise auf eigene Feindworte und Rachetaten verzichten zu können.
Wir können die Autoren der Rachepsalmen verstehen wollen, aber wir müssen sie nicht immer rechtfertigen. Die Psalmen sind eine kunstvolle Poesie, und unsere Theologie der Rachepsalmen darf sich nicht zu weit von ihrem Sprachgebrauch entfernen.
Die Rachepsalmen erinnern uns, dass es in der Welt das Böse gibt und dass Gott es hasst. Und wenn in Rachepsalmen auch menschliche Begrenztheit vorhanden ist, spricht uns dadurch doch das Wort Gottes an.
Ungeachtet des fremden Kolorit erkennen wir, dass sich diese Psalmen um die Ehre Gottes bemühen. Die Psalmisten sind ethisch hochstehend und dulden kein Unrecht und fordern hier und da entscheidend die Strafe.
Sie verstehen sich als gerecht, weil sie das Gericht dem HERRN als dem obersten Richter und dem treuen Bundespartner anvertrauen und damit darauf verzichten, ihren Feinden die bösen Taten selber heimzuzahlen. Doch möchten sie die Sache gern mit kräftigen und mächtigen Worten beschleunigen.
Der jüdische Friedensnobelpreisträger (1986) Eli Wiesel hat gesagt:
“Der Gegensatz der Liebe ist nicht Hass, sondern Gleichgültigkeit!” und gegen diese Gleichgültigkeit kämpfen die Feindworte der Psalmen.

Ermo Jürma, 03.03.2007

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Pfarrer Jörg Zimmermann
Thomaskirche Bonn-Röttgen
Predigt zu Psalm 94 – Die „Rachepsalmen“
am 15.01.2006
Teil 1 der Predigtreihe: „Und das steht in der Bibel?
Empörendes und Verstörendes aus dem Alten und dem Neuen Testament“
„Gott der Rache, HERR, Gott der Rache, erscheine! Erhebe dich, du Richter
der Welt; vergilt den Hoffärtigen, was sie verdienen! HERR, wie lange sollen die
Gottlosen, wie lange sollen die Gottlosen prahlen? Es reden so trotzig daher, es
rühmen sich alle Übeltäter. HERR, sie zerschlagen dein Volk und plagen dein Erbe.
Witwen und Fremdlinge bringen sie um und töten die Waisen und sagen: Der HERR
sieht’s nicht, und der Gott Jakobs beachtet’s nicht.
Merkt doch auf, ihr Narren im Volk! Und ihr Toren, wann wollt ihr klug
werden? Der das Ohr gepflanzt hat, sollte der nicht hören? Der das Auge gemacht
hat, sollte der nicht sehen? Der die Völker in Zucht hält, sollte der nicht
Rechenschaft fordern – er, der die Menschen Erkenntnis lehrt? Aber der HERR
kennt die Gedanken der Menschen: sie sind nur ein Hauch!
Wohl dem, den du, HERR, in Zucht nimmst und lehrst ihn durch dein Gesetz,
ihm Ruhe zu schaffen vor bösen Tagen, bis dem Gottlosen die Grube gegraben ist.
Denn der HERR wird sein Volk nicht verstoßen noch sein Erbe verlassen. Denn
Recht muss doch Recht bleiben, und ihm werden alle frommen Herzen zufallen.
Wer steht mir bei wider die Boshaften? Wer tritt zu mir wider die Übeltäter?
Wenn der HERR mir nicht hülfe, läge ich bald am Orte des Schweigens. Wenn ich
sprach: Mein Fuß ist gestrauchelt, so hielt mich, HERR, deine Gnade. Ich hatte viel
Kummer in meinem Herzen, aber deine Tröstungen erquickten meine Seele.
Du hast ja nicht Gemeinschaft mit dem Richterstuhl der Bösen, die uns das
Gesetz missbrauchen und Unheil schaffen. Sie rotten sich zusammen wider den
Gerechten und verurteilen unschuldig Blut. Aber der HERR ist mein Schutz, mein
Gott ist der Hort meiner Zuversicht. Und er wird ihnen ihr Unrecht vergelten und sie
um ihrer Bosheit willen vertilgen; der HERR, unser Gott, wird sie vertilgen.“
„Gott der Rache, HERR, Gott der Rache, erscheine!“ - liebe Gemeinde: „Und das
steht in der Bibel?“ So steht es nicht nur über der Predigtreihe, die heute beginnt, so mag
mancher unter uns auch beim Hören dieses Psalms gedacht haben. „Empörend“ und
„verstörend“ wirkt er über lange Strecken, und so gar nicht „biblisch“, jedenfalls nicht in
dem Sinne, wie wir es meist gern hätten. Der „liebe Gott“ jedenfalls kommt hier nicht vor.
Gerade deshalb, weil der Psalm so wirkt, habe ich ihn für den heutigen Gottesdienst
ausgewählt! Gerade um solche Bibeltexte einmal aus der Versenkung zu holen, habe ich
mir diese Predigtreihe überlegt. Wahrlich nicht, weil ich solche Verse nun besonders
schön fände – im Gegenteil: am liebsten möchte ich sie ganz unten in der Versenkung
verschwinden lassen. Und es dürfte kein Zufall sein, dass man sie in unseren
Gottesdiensten kaum zu Gehör bekommt.
Denn wir gehen mit der Bibel schon auf eine Art und Weise um, die ziemlich
fragwürdig ist. Sonntag für Sonntag werden da Texte als Lesungen oder als Grundlage für
die Predigt vorgetragen, und sie sind wohl ausgewählt. Aber mit jedem Text, den man
auswählt, trifft man auch eine Entscheidung gegen viele andere Texte. Und dabei fällt sehr
viel hinten runter: wenn wir einmal die Bibeltexte, die regelmäßig in der Kirche erklingen,
den anderen gegenüber stellen, die niemals hier laut werden, dann haben Letztere ganz
eindeutig das Übergewicht.
Und gerade die unangenehmen Texte kommen bei einer solchen Auswahl nicht vor
– kein Wunder, wenn man bedenkt, wie wenig geeignet sie für die kirchliche Verkündigung
erscheinen! Sie wirken nicht gerade werbend für den Glauben, sondern bestätigen oder
wecken alle Kritik, die dem Glauben und der Kirche gern entgegengebracht werden. Sie
sind kontraproduktiv – also raus damit!
Aber ist das nicht in einem hohen Maße unredlich? Ist die Bibel ein Buch, aus dem
man sich gleichsam nur die Rosinen herauspicken kann, ohne sich an ihrer Gesamtheit zu
vergehen? Kann peinlich berührtes Verschweigen seitens der Theologen eine geeignete
Methode des Umgangs mit bestimmten Bibeltexten gegenüber der Gemeinde sein?
Ich möchte dieser in der Kirche weithin praktizierten Unart durch die Predigtreihe
ein wenig entgegensteuern. Das ist unangenehm, für Sie und auch für mich – wohl wahr.
Und doch verbinde ich Hoffnungen damit: zum einen hoffe ich, dass sogar diese Texte
„irgendwo“ eine Botschaft für uns haben. Ja, ich will auch diese Texte als Bestandteil
dessen würdigen, was wir „Heilige Schrift“ nennen. Auf der anderen Seite möchte ich aber
auch zur Auseinandersetzung anregen; ich möchte diese Texte mit anderen Bibeltexten
gleichsam in ein Gespräch bringen und von da her ihren Stellenwert im Ganzen der Bibel
zu bestimmen versuchen. Und wo begründeter Widerspruch gegen diese Texte laut
werden muss, da soll er es auch. Das ist allemal besser, als wenn wir das Unangenehme
einfach unter den Tisch fallen ließen.
Soviel steht jedenfalls fest: die Bibel ist keine Sammlung „goldener Worte“, nein: sie
ist rau und sperrig und stellt sich quer zu mancher trivial-religiöser Erwartung, die wir in
oberflächlicher Manier oft an sie haben. Auf den ersten Blick ärgert uns das vielleicht. Aber
ich möchte gleich hinzufügen: Gott sei Dank ist die Bibel so rau und sperrig, wie sie ist!
Nur so bleibt sie lebensnah, so wahr im richtigen Leben eben auch nicht alles glatt und
widerspruchsfrei zugeht! Insofern bin ich der Kirche dankbar und habe großen Respekt
davor, dass sie allen Versuchen widerstanden hat, sich die Bibel „schönzuschreiben“: das
Unangenehme und Widerspruch Provozierende einfach zu tilgen und nur das schnell
Konsensfähige übrig zu lassen. Solche Versuche hat es gegeben: der Theologe Markion
hat in den Anfängen der Kirchengeschichte mit Bemühungen um eine „gereinigte“ Heilige
Schrift die Kirche in eine lebensbedrohliche Zerreißprobe geführt. Aber er hatte letztlich
keinen Erfolg – ich meine: zum Glück!
Und noch etwas ist wichtig: vielleicht meint mancher, die unangenehmen,
schockierenden, peinlichen Bibelstellen seien eine typisch alttestamentliche
Angelegenheit. Da müsse man also vom christlichen Glauben her ansetzen, Vieles
nachbessern, und die Botschaft des Neuen Testaments bügle sicher so manches grade,
was im Alten Testament so anstößig ist.
Hier kann ich nur sagen: Vorsicht! So einfach ist die Sache nicht! Ich habe in dieser
Predigtreihe sehr bewusst 3 Gottesdienste zum Alten Testament und 3 zum Neuen
Testament vorgesehen! Schockierende Passagen gibt es in beiden Testamenten, ebenso
wie beide wunderschöne Texte enthalten, die wie Balsam für die Seele wirken. Verfallen
wir hier also nicht in Klischees, die sich am Ende in gefährlicher Manier als antijüdisch
entpuppen! –
„Gott der Rache, HERR, Gott der Rache, erscheine!“ - liebe Gemeinde: das ist der
Beginn des Psalms 94 aus dem Alten Testament, aber das Neue Testament steht dem
nicht nach, wenn wir an den letzten Vers des Lesungstextes aus Matthäus 24 denken:
„Dann wird der Herr den Knecht in Stücke hauen lassen und ihm sein Teil geben bei den
Heuchlern; da wird sein Heulen und Zähneklappern.“ – Was ist das für ein Gott, mit dem
wir es hier im Alten wie im Neuen Testament zu tun bekommen? Ein blutgieriger Moloch,
sozusagen „Gott-zilla“ senkrecht von oben? Was für kranke Geister lassen sich solche
Geschichten einfallen? Welche Psychopathie bricht sich hier Bahn? Der Freiburger
Psychologieprofessor und Kirchenkritiker Franz Buggle schreibt über die Psalmen: Sie
sind „ein in weiten Teilen und selten sonst so zu findendem Ausmaß von primitiv
unkontrollierten Hassgefühlen, Rachebedürfnissen und Selbstgerechtigkeit bestimmter
Text.“
Nun, bevor wir so angewidert reagieren, sollten wir zumindest genau hinschauen,
worum es genau geht, wer hier spricht und aus was für einer Situation heraus. Manches
Unverständnis unsererseits gegenüber solchen Texten dürfte eine Menge damit zu tun
haben, dass es uns heute so unverschämt gut geht, jedenfalls im Vergleich zu denen, die
hier schreiben bzw. sprechen oder genauer gesagt: schreien. Der Theologe Norbert
Lohfink stellt fest: „Der Beter und seine Feinde – das ist einfach das dominante Thema
des Psalters.“
Hier ist das eindeutig: „Es reden so trotzig daher, es rühmen sich alle Übeltäter.
HERR, sie zerschlagen dein Volk und plagen dein Erbe. Witwen und Fremdlinge bringen
sie um und töten die Waisen...“
Feinde zu haben, unter ihnen zu leiden, Tag und Nacht in Angst und Bedrohung
leben zu müssen – das kennt unsereiner so gut wie gar nicht mehr. Aber hier, in den
Psalmen, da sprechen, seufzen und schreien Menschen, Angehörige des Volkes Israel
aus höchster Not heraus. Menschen, die erfahren haben, was es bedeutet, dem Tod
geradewegs ins Gesicht zu blicken, denen vielleicht ihre Habe und nicht selten auch ihre
Liebsten genommen wurden. Ohnmächtig wenden sie sich an die einzige Adresse, die
ihnen noch bleibt: an Gott. Da spricht man nicht mehr wohl abgewogen: einerseits –
andererseits; vielleicht ja, vielleicht auch nicht. Nein, es ist geradezu Zeichen eines letzten
Restes an seelischer Gesundheit, wenn jemand in so einer Situation nicht apathisch
erstarrt, sondern in der Lage ist, sein Leid zu artikulieren und es herauszulassen!
Als meine Familie und ich 1994 aus dem Völkermord in Rwanda geflohen waren,
wurde ich um die Predigt in einem Gedenkgottesdienst für einige den Veranstaltern
persönlich gut bekannte ermordete Rwander gebeten – hier in Bonn übrigens, in der
katholischen Kirche St. Helena in der Bornheimer Straße, noch bevor klar war, dass wir
schließlich selber in Bonn landen würden. Ich wälzte meine Bibel hin und her auf der
Suche nach einem geeigneten Predigttext. Und nach langem hilflos-verzweifelten Suchen
landete ich bei Psalm 94 – zum allerersten Mal; noch nie hatte ich darüber je gepredigt.
Aber zum ersten Mal in meinem Leben war ich da plötzlich in einer Situation, wo
ausgerechnet dieser Psalm mir die Worte zur Verfügung stellte, die ich brauchte. Dieser
Psalm, den ich früher auch immer wie manchen anderen Bibeltext verschämt aus meinem
theologischen Repertoire ausgeblendet hatte – auf einmal begann er zu sprechen! Die
extreme Herausforderung und Belastung, unter der ich stand, etwas zu sagen angesichts
dieses furchtbaren Völkermordes, dem ja auch etliche meiner Freunde und Kollegen zum
Opfer gefallen waren, diese extreme Belastung konnte sich nur in diesem seinerseits
extremen Text Luft verschaffen!
Soviel sollte also klar sein: dies ist ein Text für einen Leidenden, einen zutiefst
Gedemütigten. Der, dem es gut geht, hat sicher kein Recht, so zu sprechen. Es geht nicht
darum, dass jemand seinen latenten Sadismus nun auf einmal mit biblischen Worten
artikulieren könnte! Nur die extreme Not legitimiert so einen Text. Aber für diese Not kann
so ein Text bisweilen die letzte Zuflucht sein, die letzte Sprachhilfe, die den Leidenden
überhaupt noch erreicht!
Und dann ist es allerdings auch wichtig zu sehen: diese Psalmen sind bei allem
„Extremismus“ in ihrer Wortwahl doch nicht einfach nur Hasstiraden. Es artikuliert sich in
ihnen nicht einfach nur blinde Wut. Sie sind nicht nur Ventil angehäuften Leidensdruckes
und angestauter Aggression. Von Rache ist die Rede, ja, von Vergeltung, aber diese wird
Gott anvertraut. Er soll sie üben. Nun mag man einwenden: es blieb dem Beter ja auch
keine Möglichkeit, selber dreinzuschlagen. Er ist ja am Boden zerstört. – Gut, aber
zugleich begegnen wir im Alten Testament immer wieder dieser Vorstellung, dass Rache
grundsätzlich nicht den Menschen zukommt: „Mein ist die Rache!“, spricht der HERR. So
heißt das dann. Und das nicht, weil es Gott besonderen Spaß machte, nun so richtig
loszulegen, sondern, weil bei ihm gerade diese so schwere Aufgabe, bei der man so leicht
über jedes Ziel hinausschießt, besser aufgehoben ist, als sie es bei Menschen je sein
könnte.
Das ist ähnlich wie mit dem staatlichen Gewaltmonopol bei uns heute. Aus gutem
Grunde liegt das eben nicht bei irgendwelchen Privatpersonen. Und aus ebenso gutem
Grunde reklamiert Gott in der Bibel dieses Gewaltmonopol für sich.
Machen wir uns einen Moment lang klar, was es bedeuten würde, wenn es kein
solches Gewaltmonopol gäbe: wo man es ohne ein solches probieren würde, wo „Anarchie“
umzusetzen versucht würde, würde die Gewalt mitnichten aus der Welt
verschwinden! Sie würde vielmehr im Handumdrehen von denen geübt werden, die am
skrupellosesten und brutalsten sind. Ruckzuck hätten wir das Gesetz des Dschungels. Um
das zu vermeiden, bedarf es eines geordneten, an Recht und Gesetz gebundenen
Gewaltmonopols. Wenn dem Schwachen Unrecht widerfährt, so ist das zu ahnden. Wenn,
wie in der neutestamentlichen Lesung vorhin, ein Vorgesetzter seine Untergebenen
schikaniert und quält, dann geht es ohne empfindliche Strafe nicht ab. Und wenn wir leider
nun mal in einer Welt von Mord und Totschlag leben, dann hat es einen guten und
wichtigen Sinn, wenn wir im Glaubensbekenntnis von Jesus Christus sagen: er kommt zu
richten die Lebenden und die Toten. Die einseitige Rede von der Liebe, die nicht auch von
der Gerechtigkeit spricht, sie ist zutiefst tyrannisch, hohl, menschenfeindlich. Ein „lieber
Gott“ ohne Gewaltmonopol, er wäre eine Witzfigur und unseres Glaubens nicht würdig!
Genau dafür scheinen die Verbrecher, von den Psalm 94 spricht, Gott ja zu halten:
angesichts aller ihrer Verbrechen heißt es von ihnen: „Sie sagen: Der HERR sieht’s nicht,
und der Gott Jakobs beachtet’s nicht.“ Demgegenüber packt der Psalmist Gott geradezu
bei seiner Ehre: Willst du dir das attestieren lassen? Willst du dich so vorführen lassen?
Wenn nicht, Gott, dann – modern gesprochen: zeig diesen großmäuligen Verbrechern mal
so richtig, wo der Hammer hängt!
So verstanden wird der Psalm ja vielleicht doch etwas nachvollziehbarer. Wobei ich
vermute: es bleibt auch jetzt noch einiges an Distanz unsererseits. Wir erkennen vielleicht
an: ja, Strafe muss es geben. Aber was für Strafen? „Rache“ – das klingt fast automatisch
nach „blinder Rache“, also nach maßloser Rache, nach Vendetta, so wie wir das von der
Mafia kennen: ein getötetes Familienmitglied auf der einen Seite schreit nach mehreren zu
tötenden Mitgliedern der Familie auf der anderen Seite.
Ich gebe zu: es gibt Bibeltexte, wo die Strafe Gottes maßlos erscheint. Etwa in
unserem – wie gesagt: neutestamentlichen! – Lesungstext aus Matthäus 24: da ist es
sicher nicht in Ordnung, dass der Vorgesetzte seine Arbeiter schikaniert – aber ihn dafür in
Stücke hauen? Was soll das?
Hier kommen wir an einen Punkt, der uns in der gesamten Predigtreihe noch oft
beschäftigen wird: die Bibel selbst kann von maßloser Rache reden, sogar mit Gott als
Rächer, und sie tritt auf der anderen Seite doch zugleich der Maßlosigkeit der Rache
entgegen. Im Verlaufe unseres Psalms heißt es ja: „Recht muss doch Recht bleiben!“
Davon weiß der Beter etwas, auch wenn er in seinem ohnmächtigen Zorn an anderer
Stelle Gott dazu aufruft, der solle die Feinde „vertilgen“. Hier gilt eindeutig: der Beter
schießt übers Ziel hinaus. Es mag verständlich sein, dass er das in seiner Verzweiflung
tut. Aber es wird dadurch von der Sache her nicht richtiger.
Vielleicht haben Sie auch von dieser grauenhaften Geschichte des kleinen
Mädchens Ayla gehört, das einem Sexualmord zum Opfer fiel. Der Mörder wurde gefasst
und vor wenigen Tagen verurteilt. Nun ging der Vater des Mädchens hin und machte die
Wohnung der Lebensgefährtin des Mörders ausfindig. Er stellte sich davor und drohte
damit, diese Frau samt ihren Kindern umzubringen, aus Rache für den Mord an seiner
Tochter. Und da frage ich nun: wer könnte diesen Vater für seine bedrohende Rhetorik
wirklich kritisieren? Im Grunde ist er doch völlig ohnmächtig und hilflos; er weiß doch
selber, dass nichts auf der Welt ihm seine Tochter wiederbringen wird. So ist seine
Drohung ein Ausdruck eben dieser Ohnmacht und Hilflosigkeit. Zugleich ist natürlich klar:
Der Rechtsstaat darf es nicht zulassen, dass der Mann am Ende wirklich seine Drohung
wahr zu machen versucht. Diese Lebensgefährtin des Mörders und ihre Kinder, sie leiden
ohnehin schon mehr als genug – obwohl sie gar nichts verbrochen haben! Wo nötig, muss
der Rechtsstaat sie nach Kräften schützen. Mag auch der Schrei nach maßloser Rache
nachvollziehbar sein, sie selber darf auf keinen Fall geübt werden. So ist es gut und
notwendig, dass es ein Gewaltmonopol gibt – und es ist eine hohe Kunst, es
verantwortlich auszuüben!
Und dass die Bibel schon im Alten Testament einer maßlosen, blinden Rache
gerade nicht das Wort redet, sehen wir schon an dem klassischen Text des Alten
Testaments zu Rache und Vergeltung: „Auge um Auge, Zahn um Zahn!“ – Hier wird eben
keineswegs zur Rache gerufen; es wird vielmehr die Rache begrenzt: sie ist nun nicht
mehr maßlos, sondern ihr Maß ist der Schade, der nach Ausgleich verlangt. Es bedeutet
eine kulturhistorische Leistung ersten Ranges, dieses Prinzip gegen alle Bestrebungen
einer Vendetta durchgesetzt zu haben!
Und doch kann man fragen: sollte das alles sein? Stellt Jesus nicht dem „Auge um
Auge, Zahn um Zahn“ noch etwas ganz Anderes entgegen: „Wenn dich jemand auf deine
rechte Backe schlägt, dem biete die andere auch dar!“?
Liebe Gemeinde, darüber eingehend nachzudenken, würde eine eigene Predigt
erfordern. In der Tat sind die Rachepsalmen nicht der Weisheit letzter Schluss, wenn es
darum geht, über angemessene Reaktionen gegenüber Verbrechern nachzudenken. Aber
sie sind auch und erst recht nicht einfach Ausdruck einer psychopathischen Sehnsucht
nach Gewalt gegen andere. Nein, sie sind zum einen der letzte „kommunikative
Strohhalm“, der den Leidenden bisweilen noch bleibt. Und zum anderen erinnern sie
daran, dass es Gott allein zukommt, über die letztendliche Bestrafung von Verbrechern zu
befinden. So schaffen sie den Bedrängten die ersehnte Luft, und zugleich kanalisieren sie
alle Vergeltungsansprüche in Richtung auf den, der allein angemessen darüber befinden
kann und wird. Sie mögen uns trotz allem nicht sympathisch sein, aber ich hoffe, wir
erkennen jetzt besser, dass sie alles andere als einfach destruktiv sind. Sie haben
vielmehr ungeachtet mancher Überzeichnung ihren guten Sinn: in seelsorglicher Hinsicht
für den Leidenden, der sie betet, und in ethischer Hinsicht für eine Rechtspraxis, die
gerade nicht maßlos zuschlägt, wo irgendwer das möchte.
Und so habe jedenfalls ich meine Meinung im Laufe der Zeit geändert: ein
Rachepsalm wird sicher nie mein Lieblingstext in der Bibel werden, aber in bestimmter
Hinsicht bin ich inzwischen fast froh, dass auch solche Texte in der Bibel Raum gefunden
haben. Es gibt Situationen, da helfen sie – und da hilft nichts Anderes. Amen.

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