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Das kalam-kosmologische Argument

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1 Das kalam-kosmologische Argument on Wed Jul 27, 2016 6:06 am

Das kalam-kosmologische Argument

http://elshaddai.thinksubject.com/t133-das-kalam-kosmologische-argument

1. Alles, was anfängt zu existieren, hat eine Ursache.
2. Das Universum hat angefangen zu existieren.
3. Also hat das Universum eine Ursache für seinen Anfang



Dieser Artikel ist der Text einer Vorlesung, die Prof. Craig im Jahr 2015 an der Universität von Birmingham hielt, wo er einst über das kalam-kosmologische Argument promoviert hatte, was seitdem zu einer Neuentdeckung dieses Arguments geführt hat.

Als Junge staunte ich über das Universum. Ich fragte mich, wo es herkam. Hatte es einen Anfang? Ich erinnere mich, dass ich nachts im Bett lag und versuchte, mir ein Universum ohne Anfang vorzustellen. Dann wäre jedem Ereignis ein anderes Ereignis vorausgegangen, immer weiter zurück in die Vergangenheit, ohne Ende – oder, genauer gesagt, ohne Anfang. Eine unendliche Vergangenheit ohne Anfang. Bei diesem Gedanken drehte sich alles in meinem Kopf. Es schien mir einfach unvorstellbar. An irgendeinem Punkt muss es einen Anfang gegeben haben, dachte ich mir, damit alles beginnen konnte.
Ich hätte damals nicht gedacht, dass die Menschen schon seit Jahrhunderten, ja eher Jahrtausenden, mit dieser Vorstellung einer unendlichen Vergangenheit und der Frage, ob es einen absoluten Anfang gab, gerungen hatten. Einige griechische Philosophen der Antike glaubten, dass Materie notwendig existiert, nicht erschaffen ist, und deshalb ewig ist. Gott mochte verantwortlich dafür sein, Ordnung in den Kosmos gebracht zu haben, doch das Universum selbst habe er nicht geschaffen.
Dies stand im Gegensatz zu jener Ansicht, die die Juden in dieser Angelegenheit noch früher in der Weltgeschichte vertraten. Hebräische Schreiber waren der Meinung, dass das Universum nicht schon immer existierte, sondern zu einem bestimmten Zeitpunkt in der Vergangenheit von Gott erschaffen wurde. Das besagt auch der erste Vers der jüdischen Heiligen Schrift: „Im Anfang schuf Gott die Himmel und die Erde“ (1. Mo 1,1).
Schließlich begannen diese beiden konkurrierenden Traditionen zu interagieren. Innerhalb der westlichen Philosophie kam es zu einer weit über tausend Jahre andauernden Debatte über die Frage, ob das Universum einen Anfang hat. Diese Debatte wurde unter Juden, Muslimen und sowohl katholischen als auch protestantischen Christen ausgetragen. Letztendlich stolperte sie durch die Gedanken des großen deutschen Philosophen des 18. Jahrhunderts, Immanuel Kant, in eine Art ergebnisloses Finale hinein. Dieser vertrat ironischerweise die These, dass es rational zwingende Argumente für beide Seiten gebe, und offenbarte dadurch den Bankrott der Vernunft selbst!
Ich bin erst nach meinem Universitätsabschluss zum ersten Mal auf diese Debatte aufmerksam geworden. Da ich mich mit dieser Frage auseinandersetzen wollte, entschied ich mich, nach meiner Master-Arbeit in Philosophie jemanden zu suchen, der der Gutachter einer Doktorarbeit über diese Frage sein wollte. Prof. John Hick an der Universität von Birmingham stand ganz oben auf der Liste. Wir kamen dann auch nach Birmingham, und ich habe dann auch unter Prof. Hicks Leitung über das kosmologische Argument promoviert, und daraus resultierten letzten Endes noch drei Bücher. Ich konnte die historischen Wurzeln dieses Argument erforschen sowie seine Analyse vertiefen und weiterführen. Ich entdeckte außerdem erstaunliche Verbindungen zur modernen Astronomie und Kosmologie.
Wegen seiner geschichtlichen Wurzeln in der islamischen Theologie nannte ich das Argument „das kalam-kosmologische Argument“ (kalam ist das arabische Wort für mittelalterliche Theologie). Heute ist dieses Argument, das nach Immanuel Kant größtenteils in Vergessenheit geraten war, wieder im Rampenlicht. In der 2007er-Auflage berichtet der Cambridge Companion to Atheism[1]: „Eine Zählung der Artikel in Philosophie-Fachzeitschriften hat ergeben, dass über kein zeitgenössisches Argument irgendeines Philosophen für die Existenz Gottes mehr Artikel veröffentlicht wurden als über Craigs Verteidigung des Kalam-Argumentes (...) Theisten wie Atheisten können beide ,ihre Finger nicht davon lassen‘“ (S. 183).
Worum handelt es sich bei diesem Argument, welches diese Kontroverse ausgelöst hatte? Lassen Sie einen seiner größten mittelalterlichen Befürworter für sich selbst sprechen. Al-Ghazali war ein muslimischer Theologe, der im 12. Jahrhundert in Persien, dem heutigen Iran lebte. Er war darüber besorgt, dass sich muslimische Philosophen seiner Tage von der alten griechischen Philosophie beeinflussen ließen, sodass sie eine göttliche Schöpfung des Universums ablehnten. Nachdem er die Lehren dieser Philosophen eingehend studiert hatte, schrieb Ghazali eine vernichtende Kritik ihrer Ansichten mit dem Titel Die Inkohärenz der Philosophen. In diesem faszinierenden Buch behauptet er, dass die Vorstellung eines Universums ohne Anfang absurd sei. Das Universum müsse einen Anfang haben, und weil nichts ohne Ursache zu existieren beginnt, muss es einen transzendenten Schöpfer des Universums geben.
Ghazali formuliert sein Argument sehr einfach: „Jedes Wesen, das anfängt zu existieren, hat eine Ursache für seinen Anfang; die Welt ist ein Wesen, das anfängt zu existieren. Also hat sie eine Ursache für ihren Anfang.“[2]
Zu Ghazalis Argumentation gehören drei einfache Schritte:


1. Alles, was anfängt zu existieren, hat eine Ursache.
2. Das Universum hat angefangen zu existieren.
3. Also hat das Universum eine Ursache für seinen Anfang.


Sehen wir uns jeden Schritt dieses Arguments genauer an.
Prämisse 1
Beachten Sie, dass Ghazali eigentlich keine Prämisse braucht, die so stark ist wie (1), damit sein Argument erfolgreich ist. Man kann die erste Prämisse auch bescheidener formulieren.
1‘. Wenn das Universum anfing zu existieren, dann hat das Universum eine Ursache für seinen Anfang.
Diese bescheidenere Version der ersten Prämisse ermöglicht es uns, Ablenkungen darüber zu vermeiden, ob subatomare Teilchen, die das Ergebnis von Quantum-Verfallsprozessen sind, ohne Ursache entstehen. Diese angebliche Ausnahme von (1) betrifft (1‘) nicht. Denn das Universum umfasst die gesamte zusammenhängende Raumzeit-Realität. Deshalb muss das Universum aus dem Nichts entstehen, um ohne Ursache zu entstehen, was absurd ist. In Quantum-Verfallsprozessen entstehen die Teilchen nicht aus dem Nichts. So warnt auch Christopher Isham, Großbritanniens führender Quanten-Kosmologe:
„In einem physikalischen Kontext ist das Wort ‚Erschaffung‘ sehr vorsichtig zu verwenden. Ein bekanntes Beispiel hierzu ist die Erschaffung von Elementarteilchen in einem Beschleuniger. In dieser Situation findet allerdings eine Umwandlung einer Art von Materie in eine andere statt, wobei die Gesamtenergiemenge während des Prozesses erhalten bleibt."[3]
Die vermeintliche Ausnahme von (1) ist somit keine Ausnahme von (1‘).
Lassen Sie mich drei Gründe anführen, die Prämisse 1 unterstützen:
1. Etwas kann nicht aus dem Nichts entstehen. Zu behaupten, dass etwas aus dem Nichts entsteht, ist abwegiger als Magie. Wenn ein Magier ein Kaninchen aus dem Hut zieht, dann hat man zumindest den Magier, vom Hut ganz zu schweigen! Aber wenn Sie Prämisse 1‘ verneinen, müssen Sie der Meinung sein, dass das Universum an einem Punkt in der Vergangenheit einfach ohne irgendeinen Grund auftauchte. Aber niemand glaubt ernsthaft, dass Dinge, sagen wir mal ein Pferd oder ein Eskimo-Dorf, ohne eine Ursache entstehen können.
2. Wenn etwas aus dem Nichts entstehen kann, dann ist es unerklärlich, warum nicht auch alle möglichen anderen Dinge einfach aus dem Nichts entsteht. Denken Sie mal darüber nach: Warum entstehen nicht einfach Fahrräder, Beethoven oder Malzbierflaschen aus dem Nichts? Warum können nur Universen aus dem Nichts entstehen? Wie kommt es, dass das Nichts so diskriminierend ist? Das Nichts kann überhaupt nichts haben, was Universen bevorzugt, denn das Nichts hat überhaupt keine Eigenschaften. Genauso wenig kann irgendetwas das Nichts einschränken, weil es nichts einzuschränken gibt!
3. Allgemeine Erfahrungen und naturwissenschaftliche Belege bestätigen die Wahrheit von Prämisse 1‘. Die Wissenschaft der Kosmogonie[4] stützt sich auf die Annahme, dass es kausale Bedingungen für die Entstehung des Universums gibt. Es ist also schwer verständlich, dass ein Anhänger der modernen Naturwissenschaften bestreiten könnte, dass es plausibler ist, dass Prämisse 1 im Lichte der Belege wahr ist, und nicht falsch.
Ich denke daher, dass die erste Prämisse des kalam-kosmologischen Arguments eindeutig wahr ist.
Prämisse 2
Die umstrittenere Prämisse des Arguments ist Prämisse 2: Das Universum hat angefangen zu existieren. Das ist alles andere als offensichtlich. Lassen Sie uns sowohl philosophische als auch naturwissenschaftliche Argumente zur Verteidigung dieser Prämisse untersuchen.
Erstes philosophisches Argument
Ghazali sagte, dass es bis jetzt unendlich viele Ereignisse in der Vergangenheit gegeben haben muss, wenn das Universum nie einen Anfang gehabt hat. Allerdings, fuhr er fort, kann eine unendliche Anzahl von Dingen nicht existieren. Ghazali erkannte an, dass eine potentiell unendliche Menge von Dingen existieren könnte, aber keine aktual bzw. tatsächlich unendliche Menge von Dingen.
Wenn wir sagen, dass etwas potentiell unendlich ist, dient die Unendlichkeit lediglich als eine ideelle Grenze, die nie erreicht wird. Beispielsweise könnte man jede endliche Distanz halbieren, dann vierteln, achteln, sechzehnteln und unendlich so weiter. Die Anzahl der Divisionen ist insofern potentiell unendlich, als man die Distanz immer weiter teilen könnte. Doch man würde niemals beim „Unendlichstel“ ankommen. Man hätte nie eine tatsächlich existierende unendliche Menge von Teilen oder Divisionen.
Ghazali hatte allerdings kein Problem mit der Existenz von lediglich potentieller Unendlichkeit, da diese nur eine ideelle Grenze ist. Er behauptete allerdings, dass es zu zahlreichen Absurditäten kommen würde, wenn eine unendliche Menge von Dingen existieren könnte. Wenn diese Absurditäten vermieden werden sollen, müsse man der Behauptung widersprechen, dass eine tatsächlich unendliche Menge von Dingen existiert. Das heißt, die Anzahl von Ereignissen in der Vergangenheit kann nicht tatsächlich unendlich sein. Also kann das Universum nicht ohne Anfang sein; es hat angefangen zu existieren.
Sehr oft wird behauptet, dass diese Art von Argumentation durch Entwicklungen in der modernen Mathematik entkräftet wurde. In der modernen Mengenlehre sei die Verwendung von tatsächlich unendlichen Mengen gang und gäbe. Beispielsweise enthalte die Menge der natürlichen Zahlen {0, 1, 2, ... } eine tatsächlich unendliche Menge von Elementen. Laut der modernen Mengenlehre ist die Anzahl der Elemente in dieser Menge nicht nur potentiell unendlich, sondern wirklich unendlich. Viele schließen daraus, dass diese Entwicklungen Ghazalis Argument entkräften.
Doch ist das auch wirklich der Fall? Die moderne Mengenlehre zeigt, dass man über tatsächlich unendliche Mengen widerspruchsfrei sprechen kann, wenn man bestimmte Axiome und Regeln beachtet. Damit wird nur gezeigt, dass ein gewisses Diskursuniversum aufgebaut werden kann, um widerspruchsfrei über die tatsächliche Unendlichkeit zu sprechen. Damit wird aber in keiner Weise gezeigt, dass solche mathematischen Entitäten wirklich existieren oder dass eine tatsächlich unendliche Anzahl von Dingen wirklich existieren kann. Wenn Ghazali Recht hat, kann dieses Diskursuniversum einfach als fiktives Reich – wie die Welt von Sherlock Holmes oder etwas, das nur in jemandes Kopf existiert – betrachtet werden.
Ghazali drückt die reale Unmöglichkeit einer aktual unendlichen Menge von Dingen aus, indem er sich vorstellt, wie es wäre, wenn eine solche Menge existieren könnte, und er dann die absurden Konsequenzen davon darstellt. Lassen Sie mich eine meiner Lieblingsillustrationen, „Hilberts Hotel“, das Geistesprodukt des großen deutschen Mathematikers David Hilbert (1862-1943) zum Besten geben.
Hilbert lädt uns zunächst ein, uns ein normales Hotel mit endlich vielen Zimmern vorzustellen. Stellen Sie sich außerdem vor, dass alle Zimmer belegt sind. Wenn nun jemand an der Rezeption um ein Zimmer bittet, wird ihm der Manager entgegnen: „Tut uns leid, es sind alle Zimmer belegt“, und damit hätte es sich.
Doch, sagt Hilbert, stellen wir uns nun ein Hotel mit unendlich vielen Zimmern vor, und stellen wir uns auch hier wieder vor, dass alle Zimmer belegt sind. Dieser Faktor muss berücksichtigt werden. Es gibt kein einziges freies Zimmer im gesamten unendlichen Hotel; in jedem Zimmer ist jemand untergebracht. Stellen wir uns nun vor, jemand kommt an die Rezeption und bittet um ein Zimmer. „Kein Problem“, wird es heißen. Die Person in Zimmer Nr. 1 wird in Zimmer Nr. 2 „verlegt“, die Person aus Zimmer Nr. 2 in Zimmer Nr. 3, die Person aus Zimmer Nr. 3 in Zimmer Nr. 4 und unendlich so weiter. Dadurch wird Zimmer Nr. 1 frei, und der neue Gast checkt dankend ein. Doch bevor er kam, waren doch alle Zimmer schon voll!
Und es wird noch schlimmer! Stellen wir uns nun vor, sagt Hilbert, dass unendlich viele Gäste an der Rezeption erscheinen und nach Zimmern fragen. „Kein Problem, kein Problem!“, sagt der Manager. Er „verlegt“ die Person aus Zimmer Nr. 1 in Zimmer Nr. 2, die aus Zimmer Nr. 2 in Zimmer Nr. 4, die aus Zimmer Nr. 3 in Zimmer Nr. 6, also immer jeweils in ein Zimmer mit einer doppelt so hohen Nummer. Da immer eine gerade Zahl heraus kommt, wenn man eine Zahl mit zwei multipliziert, kommen alle in Zimmern mit einer geraden Zimmernummer unter. So werden alle Zimmer mit ungeraden Nummern frei, und die unendlich vielen neuen Gäste können leicht untergebracht werden. Ja, der Manager könnte das unendlich oft machen und jedes Mal unendlich mehr Gäste unterbringen. Dabei waren alle Zimmer vor ihrer Ankunft belegt!
Ein Student bemerkte dazu einmal: Hilberts Hotel müsste, wenn es existieren könnte, draußen ein Schild haben, auf dem steht: „Keine freien Zimmer (Gäste willkommen)". Kann es so ein Hotel in Wirklichkeit geben?
Hilberts Hotel ist absurd. Da diese Illustration nicht nur mit einem Hotel funktioniert, kann das Argument verallgemeinert werden, um aufzuzeigen, dass die Existenz einer aktual unendlichen Menge von Dingen absurd ist.
Manche erwidern auf die Illustration mit Hilberts Hotel, dass die Absurditäten ein Ergebnis davon sind, dass das Konzept der Unendlichkeit über unser Denkvermögen hinausgeht und wir sie daher nicht verstehen können. Doch diese Erwiderung ist irrig und naiv. Wie ich bereits sagte, ist die Lehre der unendlichen Mengen ein hoch entwickelter und gut verstandener Bereich der modernen Mathematik. Die Absurditäten kommen daher, dass wir das Wesen des tatsächlich Unendlichen sehr wohl verstehen. Hilbert war ein kluger Mann, und er wusste die bizarren Konsequenzen der Existenz einer tatsächlich unendlichen Menge von Dingen gut zu illustrieren.
Das einzige, was dem Kritiker jetzt noch übrig bleibt, ist, in den sauren Apfel zu beißen und zu sagen, dass Hilberts Hotel nicht absurd ist. Manchmal versuchen Kritiker, diesen Zug mit der Behauptung zu rechtfertigen, dass wir genau solche Situationen erwarten müssen, wenn ein aktual Unendliches existierten könnte. Aber diese Rechtfertigung ist inadäquat. Natürlich würde Hilbert dem zustimmen, dass wir eine Situation wie die mit dem Hotel erwarten müssen, falls ein tatsächlich Unendliches existieren könnte. Sonst wäre es ja keine gute Illustration! Doch die Frage ist, ob ein solches Hotel wirklich möglich wäre.
Daher denke ich, dass Ghazalis erstes Argument ein gutes ist. Es zeigt, dass die Anzahl von Ereignissen in der Vergangenheit endlich sein muss. Also muss das Universum einen Anfang gehabt haben. Wir können Ghazalis Argument wie folgt zusammenfassen.
1. Ein aktual bzw. tatsächliches Unendliches kann nicht existieren.
2. Ein unendlicher temporaler Regress von Ereignissen ist ein aktual Unendliches.
3. Also kann ein unendlicher temporaler Regress von Ereignissen nicht existieren.
Zweites philosophisches Argument
Ghazali führt ein zweites, unabhängiges Argument für den Anfang des Universums an.
Ghazali stellte fest, dass die Reihe vergangener Ereignisse dadurch gebildet wurde, dass die Ereignisse aneinandergefügt wurden. Die Reihe vergangener Ereignisse ist wie eine Abfolge von Domino-Steinen, die nacheinander umfallen, bis der letzte Stein heute erreicht ist. Doch, so Ghazali, könne eine Reihe, die durch Aneinanderfügung ihrer Elemente entstanden ist, nicht aktual unendlich sein. Man könne unendlich viele Elemente nämlich nicht nacheinander abzählen.
Das wird durch den Versuch deutlich, bis zur Unendlichkeit zu zählen. Ganz egal, wie weit man zählt, es bleiben immer unendlich viele Zahlen, die man noch nicht gezählt hat.
Doch wenn man nicht bis zur Unendlichkeit zählen kann, wie könnte man denn dann von der Unendlichkeit herunterzählen? Das würde dem Versuch gleichen, alle negativen Zahlen bis Null herunterzuzählen: ..., -3, -2, -1, 0. Es erscheint verrückt. Denn bevor Sie bei 0 ankämen, käme noch die -1, und vor der käme wiederum die -2 und so weiter, zurück bis ins Unendliche. Vor jeder Zahl kämen unendliche viele Zahlen zuerst. So würde man immer weiter in die Vergangenheit zurückgetrieben, sodass keine Zahl jemals gezählt würde.
Doch der letzte Domino-Stein könnte nie umfallen, wenn unendlich viele Steine zuerst fallen müssten. Also könnte heute niemals erreicht werden. Doch ganz offensichtlich sind wir hier! Dies zeigt, dass die Reihe von vergangenen Momenten endlich sein und einen Anfang haben muss.
Ghazali suchte die Unmöglichkeit, eine unendliche Vergangenheit zu bilden, noch weiter zu verdeutlichen, indem er veranschaulichte, welche Absurditäten daraus folgen würden, wenn es ginge. Stellen wir uns beispielsweise vor, dass der Planet Jupiter in derselben Zeit, in der Saturn die Sonne einmal umrundet, die Sonne zweimal umrundet. Je öfter sie sie umrunden, desto weiter fällt Saturn zurück. Wenn sie die Sonne für immer weiter umrunden, nähern sie sich einer Grenze, wo Saturn unendlich weit hinter Jupiter zurückliegt. Natürlich werden sie diese Grenze nie wirklich erreichen.
Doch drehen Sie das Ganze nun herum: Angenommen, Jupiter und Saturn umrunden die Sonne schon die ganze ewige Vergangenheit lang. Welcher Planet hat die Sonne öfter umrundet? Die Antwort lautet: Beide haben die Sonne genau gleich oft umrundet – unendlich oft! Wir können uns nicht aus diesem Argument herausmogeln, indem wir sagen, Unendlich sei keine Zahl. In der modernen Mathematik ist es eine Zahl, nämlich die Anzahl von Elementen in der Menge {0, 1, 2, 3, ...}. Doch dass beide Planeten die Sonne gleich oft umrundet haben, erscheint absurd, denn je länger sie sie umrunden, desto größer wird die Diskrepanz. Wie kann es da sein, dass es wundersam gleich viele Umrundungen werden, indem man die Planeten die ganze ewig andauernde Vergangenheit lang die Sonne umrunden lässt?
Eine weitere Illustration: Nehmen wir an, wir treffen jemanden, der behauptet, er habe die ganze ewige Vergangenheit hindurch (von Unendlich) heruntergezählt und sei nun fast fertig: ... -3, -2, -1, 0! Puh! Warum, fragen wir uns vielleicht, wird er damit ausgerechnet heute fertig? Warum nicht gestern oder vorgestern? Schließlich war bis dahin unendlich viel Zeit verstrichen. Wenn der Mann also pro Sekunde eine Zahl herunterzählt, gab es bereits unendlich viele Sekunden, in denen er bei 0 hätte ankommen können. Er sollte eigentlich schon fertig sein! Ja, zu jedem Zeitpunkt in der Vergangenheit war schon unendlich viel Zeit verstrichen, sodass er da schon hätte fertig sein sollen. Und doch gibt es keinen Punkt in der Vergangenheit, an dem der Mann fertig geworden ist, was der Hypothese widerspricht, dass er die ewige Vergangenheit hindurch gezählt hat.
Alexander Pruss und Robert Koons sind vor kurzem mit einer ansprechenden zeitgenössischen Version von Ghazalis Argument in Erscheinung getreten, das sie das „Sensenmann-Paradoxon“[5] genannt haben. Es gibt darin unendlich viele Sensenmänner (die wir als Götter bezeichnen können, um allen physikalischen Einwänden zuvorzukommen). Um Mitternacht sind Sie am Leben. Sensenmann 1 wird Sie um 01:00 Uhr umbringen, wenn Sie da noch leben. Sensenmann 2 wird sie um 00:30 umbringen, wenn Sie da noch leben. Sensenmann 3 wird Sie um 00:15 Uhr umbringen und so weiter. Eine solche Situation erscheint klar vorstellbar – eine aktual unendliche Menge von Dingen vorausgesetzt –, führt aber zu etwas Unmöglichem: Sie können Mitternacht nicht überleben, aber auch zu keinem Zeitpunkt von einem Sensenmann getötet werden. Pruss und Koons formulieren das Paradoxon so um, dass die Sensenmänner über die unendlich lange Zeit verteilt werden, und nicht nur über eine einzige Stunde, z. B. indem sie jeden Sensenmann seine Sense am 1. Januar jedes vergangenen Jahres schwingen lassen, wenn Sie es geschafft haben, so lange zu leben.
Diese Illustrationen untermauern Ghazalis Behauptung, dass keine Reihe, die dadurch gebildet wird, dass ein Element an das andere gefügt wird, aktual bzw. tatsächlich unendlich sein kann. Da die Reihe vergangener Ereignisse dadurch gebildet wurde, dass sich ein Ereignis an das nächste fügte, kann sie nicht aktual unendlich sein. Sie muss einen Anfang gehabt haben. Damit haben wir ein zweites gutes Argument für Prämisse 2, gemäß der das Universum anfing zu existieren. Wir können dieses Argument wie folgt zusammenfassen:
1. Eine durch aufeinanderfolgende Aneinanderreihung gebildete Menge kann nicht aktual unendlich sein.
2. Die temporale Reihe von Ereignissen ist eine durch aufeinanderfolgende Aneinanderreihung gebildete Menge.
3. Also kann die temporale Reihe von Ereignissen nicht aktual unendlich sein.
Erste naturwissenschaftliche Bestätigung
Eine der erstaunlichsten Entwicklungen der modernen Astronomie, die Ghazali niemals vorausgesehen hätte, besteht darin, dass wir starke naturwissenschaftliche Belege für den Anfang des Universums haben. Die erste naturwissenschaftliche Bestätigung für den Anfang des Universums liefert uns die Ausdehnung des Universums.
Durch die ganze Menschheitsgeschichte hindurch sind die Menschen davon ausgegangen, dass das Universum als Ganzes gleichbleibend war. Natürlich bewegten und veränderten sich Dinge im Universum, doch das Universum selbst war sozusagen einfach da. Davon ging auch Albert Einstein aus, als er 1917 anfing, seine neue Theorie der Schwerkraft, „allgemeine Relativitätstheorie“ genannt, auf das Universum anzuwenden.
Doch Einstein bemerkte, dass da etwas nicht stimmen konnte. Seine Gleichungen beschrieben ein Universum, das sich entweder wie ein Luftballon aufblies oder in sich selbst zusammenfiel. In den 1920er Jahren beschlossen der russische Mathematiker Alexander Friedmann und der belgische Astronom Georges Lemaître, Einsteins Gleichungen in ihrer ursprünglichen Form zu verwenden, und kamen in der Folge unabhängig voneinander auf Modelle eines sich ausdehnenden Universums. 1929 machte der amerikanische Astronom Edwin Hubble mittels unermüdlicher Beobachtungen am Mount-Wilson-Observatorium eine aufregende Entdeckung, die Friedmanns und Lemaîtres Theorie belegte. Er entdeckte, dass das Licht aus weit entfernten Galaxien röter erschien als erwartet. Die plausibelste Erklärung für diese Farbänderung war jene, dass sich die Lichtwellen ausdehnten, während die Galaxien sich von uns weg bewegten. Worauf auch immer er sein Teleskop in den Nachthimmel richtete – er beobachtete stets dieselbe Farbverschiebung im Licht aus den Galaxien. Es schien, als befänden wir uns im Zentrum einer kosmischen Explosion, und alle anderen Galaxien flögen mit einer unglaublichen Geschwindigkeit von uns weg!
Laut dem Friedmann-Lemaître-Modell sind wir allerdings nicht wirklich im Zentrum des Universums. Vielmehr wird jeder, der in irgendeiner anderen Galaxie in den Weltraum blickt, beobachten, dass sich die anderen Galaxien von ihm entfernen. Das liegt daran, dass es laut der Theorie der Weltraum selbst ist, der sich ausdehnt. Die Galaxien sind im Weltraum eigentlich ruhig und bewegungslos, entfernen sich aber voneinander mit zunehmender Ausdehnung des Weltraums.
Das Friedmann-Lemaître-Modell wurde letztlich als Urknalltheorie bekannt. Doch diese Bezeichnung kann irreführend sein. Wenn wir uns unter der Ausdehnung des Universums eine Art Explosion vorstellen, könnte das dahin führen, dass wir fälschlicherweise denken, dass sich die Galaxien von einem zentralen Punkt aus in einen vorher bestehenden leeren Raum bewegen. Damit würden wir das Modell komplett missverstehen. Die Theorie ist wesentlich radikaler als das.
Verfolgt man die Ausdehnung des Universums zeitlich zurück, kommt alles immer näher zusammen. Zum Schluss ist die Entfernung zwischen zwei beliebigen Punkten im Weltraum gleich null. Näher zusammen kommt man nicht! An diesem Punkt hat man also den Grenzpunkt von Zeit und Raum erreicht. Weiter kann man die Ausdehnung von Raum und Zeit nicht zurückspielen. Das ist tatsächlich der Anfang von Raum und Zeit.
Um uns das besser vorstellen zu können, können wir uns unseren dreidimensionalen Weltraum als eine zweidimensionale Oberfläche vorstellen, die immer weiter schrumpft, je weiter man zurück in die Vergangenheit geht (Abb. 1).
Abb. 1. Geometrische Darstellung der Raumzeit. Die zweidimensionale Scheibe stellt unseren dreidimensionalen Raum dar. Die Vertikale steht für die Zeit. Geht man in der Zeit zurück, schrumpft der Raum, bis die Entfernung zwischen zwei beliebigen Punkten gleich null ist. Die Raumzeit ist, geometrisch dargestellt, also kegelförmig. Die Spitze des Kegels ist der Grenzpunkt von Raum und Zeit.
Zum Schluss wird die Entfernung zwischen zwei beliebigen Punkten im Weltraum gleich null. Daher kann die Raumzeit geometrisch wie ein Kegel dargestellt werden. Von Bedeutung ist hierbei, dass ein Kegel in die eine Richtung einen Grenzpunkt hat, während er in die andere Richtung unendlich erweitert werden kann. Da die Richtung mit dem Grenzpunkt für die Zeit steht und der Grenzpunkt in der Vergangenheit liegt, impliziert das Modell, dass die vergangene Zeit endlich ist und einen Anfang hatte.
Da die Raumzeit der Rahmen ist, in dem alle Materie und alle Energie existieren, ist der Anfang der Raumzeit auch gleichzeitig der Anfang aller Materie und aller Energie. Sie ist der Anfang des Universums.
Beachten Sie, dass es vor dem Anfangsgrenzpunkt der Raumzeit nichts gibt. Doch lassen wir uns nicht von Wörtern täuschen. Wenn Kosmologen sagen, „Vor dem Anfangsgrenzpunkt gibt es nichts“, meine ich damit nicht, dass es davor irgendeinen Zustand gibt, also den Zustand des Nichts. Damit würde man mit dem Nichts umgehen, als wäre es etwas! Sondern Kosmologen meinen damit vielmehr, dass es falsch ist, zu behaupten, dass es „vor diesem Punkt etwas gibt“.
Das Standard-Urknallmodell setzt also einen absoluten Anfang des Universums voraus. Wenn dieses Modell korrekt ist, haben wir eine erstaunliche naturwissenschaftliche Bestätigung für die zweite Prämisse des kalam-kosmologischen Arguments.
Ist das Modell also korrekt oder, noch wichtiger: Ist es insofern korrekt, als es auf einen Anfang des Universums hinweist? Trotz dieser empirischen Bestätigung muss das Standardmodell auf mehrfache Weise modifiziert werden. Das Modell basiert, wie wir gesehen haben, auf Einsteins allgemeiner Relativitätstheorie. Doch Einsteins Theorie bricht zusammen, wenn der Raum auf subatomare Proportionen reduziert wird. An dieser Stelle müssen wir die subatomare Physik mit einbeziehen, und niemand weiß so genau, wie das zu bewerkstelligen ist. Außerdem ist die Ausdehnung des Universums, anders als im Standardmodell, aller Wahrscheinlichkeit nach nicht konstant. Sie wird wahrscheinlich schneller und hatte in der Vergangenheit vielleicht einen kurzen Moment der extremen Ausdehnung.
Doch keine dieser Anpassungen muss die Schlussfolgerung außer Kraft setzen, dass das Universum einen absoluten Anfang hat. Ja, über die Jahrzehnte hinweg haben Physiker seit Friedmanns und Lemaîtres Werk dutzende alternative Modelle vorgeschlagen, und jene ohne einen absoluten Anfang wurden wiederholt für nicht praktikabel befunden. Oder positiv formuliert: die einzigen praktikablen Alternativen zum Standardmodell sind jene mit absolutem Anfang des Universums. Dieser Anfang kann einen Anfangspunkt beinhalten, muss aber nicht. Doch Theorien (wie Stephen Hawkings „No-Boundary“-Vorschlag), die keinen punktuellen Anfang beinhalten, haben dennoch eine endliche Vergangenheit. Nach diesen Theorien existierte das Universum nicht schon immer, sondern es ist entstanden – wenn auch nicht sicher an einem klar definierten Punkt in der Vergangenheit.
In einem gewissen Sinne kann man die Geschichte der Kosmologie im 20. Jahrhundert auch als eine Serie fehlgeschlagener Versuche sehen, den im Standardmodell des Urknalls prognostizierten absoluten Anfang zu umgehen. Diese Prognose steht nun seit beinahe 100 Jahren, einer Zeit enormer Fortschritte in der beobachtenden Astronomie und kreativer theoretischer Arbeit in der Astrophysik.
Inzwischen hat eine Reihe bemerkenswerter Singularitätstheoreme die Schlinge um empirisch haltbare Modelle enger werden lassen, indem sie aufgezeigt haben, dass ein Anfang unter immer mehr verallgemeinerten Bedingungen unausweichlich ist. Im Jahr 2003 gelang es Arvind Borde, Alan Guth und Alexander Vilenkin, zu zeigen, dass jedes Universum, dass sich über seine Existenzgeschichte hinweg durchschnittlich gesehen in einem Zustand der kosmischen Ausdehnung befindet, keine unendliche Vergangenheit haben kann, sondern einen Anfang gehabt haben muss. Das gilt auch für Multiversums-Szenarien. 2012 belegte Vilenkin, dass Modelle, die diese eine Bedingung der Ausdehnung nicht erfüllen, es aus anderen Gründen trotzdem nicht schaffen, den Anfang des Universums zu umgehen. Vilenkins Schlussfolgerung: „Keines dieser Szenarien kann tatsächlich eine unendliche Vergangenheit haben.“[6] „Alle Belege, die wir haben, sagen aus, dass das Universum einen Anfang hatte.“[7]
Das Borde-Guth-Vilenkin-Theorem beweist, dass die Raumzeit im klassischen Sinn – unter einer einzigen, sehr allgemeinen Bedingung – nicht unendlich in die Vergangenheit ausgedehnt werden kann, sondern irgendwann in der endlichen Vergangenheit einen Grenzpunkt erreichen muss. Und entweder gab es etwas auf der anderen Seite des Grenzpunktes oder nicht. Wenn nicht, dann ist dieser Grenzpunkt eben der Anfang des Universums. Wenn es etwas auf der anderen Seite gab, ist das eine Region, die von der noch zu entwickelnden Theorie der Quantengravitation beschrieben wird. In diesem Fall, so Vilenkin, wird das dann der Anfang des Universums sein. So oder so: Das Universum hat einmal angefangen zu existieren.
Natürlich sind naturwissenschaftliche Ergebnisse immer vorläufig. Wir können auf jeden Fall damit rechnen, dass neue Theorien in dem Versuch vorgelegt werden, den Anfang des Universums zu umgehen. Derlei Vorschläge sind willkommen zu heißen und zu prüfen. Dennoch ist es ziemlich klar, wohin die Belege führen. Heute steht der Verfechter des kalam-kosmologischen Arguments mit seiner Behauptung, das Universum habe angefangen zu existieren, bequem im Mainstream der Naturwissenschaft.
Zweites naturwissenschaftliches Argument
Als wäre dies noch nicht genug, gibt es tatsächlich noch eine zweite Bestätigung aus der Naturwissenschaft für den Anfang des Universums, und zwar aus dem zweiten Hauptsatz der Thermodynamik. Laut diesem zweiten Hauptsatz wird ein System immer unordentlicher, es sei denn, Energie wird in dieses System gespeist.
Schon im 19. Jahrhundert erkannten die Wissenschaftler, dass der zweite Hauptsatz der Thermodynamik nichts Gutes für die Zukunft des Universums implizierte. Nach hinreichend langer Zeit wird sich alle Energie gleichmäßig im Universum verteilen. Das Universum wird ein gleichmäßiger Brei ohne irgendwelche Eigenschaften, in dem kein Leben mehr möglich ist. Hat es einmal einen solchen Zustand erreicht, ist keine signifikante Veränderung mehr möglich. Es ist ein Zustand des Äquilibriums eingetreten, wo Temperatur und Druck überall gleich sind. Wissenschaftler nannten dies den "Wärmetod" des Universums.
Doch diese unangenehme Vorhersage führte zu einer weiteren Fragestellung: Wenn das Universum nach hinreichend langer Zeit unweigerlich in einem stagnierenden Zustand des Wärmetodes landet, warum ist es dann nicht jetzt schon in einem Zustand des Wärmetodes, wenn es doch schon immer existiert? Wenn das Universum das Äquilibrium innerhalb einer endlichen Zeitspanne erreicht und die Vergangenheit ewig ist, sollte es jetzt schon in einem Stadium des Äquilibriums sein. Dem ist aber nicht so. Wir befinden uns in einem Zustand des Disäquilibriums, in dem Energie noch etwas verändert und in dem das Universum noch eine geordnete Struktur hat.
Ludwig Boltzmann, ein österreichischer Physiker im 19. Jahrhundert, hatte einen gewagten Lösungsvorschlag für dieses Problem. Boltzmann meinte, dass sich das Universum vielleicht tatsächlich in einem allgemeinen Zustand des vollständigen Äquilibriums befindet. Allerdings entstünden rein zufällig hier und dort geordnetere Taschen eines Disäquilibriums. Boltzmann nennt diese isolierten Bereiche des Disäquilibriums „Welten“. Unser Universum ist nun zufällig eine dieser Welten. Irgendwann wird es, gemäß dem zweiten Hauptsatz der Thermodynamik, wieder in den allgemeinen Zustand des Äquilibriums zurückfallen.
Moderne Physiker haben Boltzmanns gewagte Viele-Welten-Hypothese unisono als Erklärung für das festgestellte Disäquilibrium des Universums abgelehnt. Ihr entscheidender Fehler liegt darin, dass wir eine wesentlich kleinere Region der Ordnung vor uns haben müssten, wenn unsere Welt nur eine zufällige Abweichung von einem allgemeinen Zustand des Äquilibriums wäre. Warum? Weil eine kleine Abweichung vom Äquilibrium bei weitem wahrscheinlicher ist als die riesige, nachhaltige Abweichung, die notwendig ist, um das sichtbare Universum zu schaffen. Dabei würde eine kleine Abweichung bereits für unsere Existenz reichen. Zum Beispiel würde für unser Überleben eine Abweichung reichen, die eine geordnete Region von der Größe unseres Sonnensystems bildet, und eine solche Abweichung wäre weitaus wahrscheinlicher als eine, aus der das ganze geordnete, für uns wahrnehmbare Universum entstand!
In der Tat: Zu Ende gedacht, würde Boltzmanns Hypothese zu einer seltsamen Art des Illusionismus führen: Aller Wahrscheinlichkeit nach bewohnen wir tatsächlich eine kleinere Region der Ordnung, und die Sterne und Planeten, die wir beobachten, sind lediglich Illusionen, einfach nur Bilder am Himmel. Denn diese Art Welt ist viel wahrscheinlicher als ein Universum, das sich, ganz im Widerspruch zum zweiten Hauptsatz der Thermodynamik, seit Milliarden von Jahren vom Äquilibrium entfernt, um das für uns wahrnehmbare Universum hervorzubringen.
Die Entdeckung in den 1920er Jahren, dass sich das Universum ausdehnt, änderte zwar die Art des Wärmetodes, der auf Basis des zweiten Hauptsatzes vorhergesagt wurde, doch die zugrunde liegende Frage blieb bestehen. Jetzt, in den ersten Jahrzehnten des 21. Jahrhunderts, haben jüngste Entdeckungen ergeben, dass die Geschwindigkeit der kosmischen Ausdehnung in der Tat zunimmt. Da sich das Volumen des Weltraums so schnell vergrößert, entfernt sich das Universum somit immer weiter von einem Äquilibriumszustand, in dem Energie und Materie gleichmäßig verteilt werden. Doch durch die Beschleunigung der Ausdehnung rückt auch das Ende des Universums nur immer schneller heran, denn nun entfernen sich die verschiedenen Regionen des Universums im Weltraum voneinander, und jede isolierte Region wird dunkel, kalt, ausgedünnt und tot. Und wieder stellt sich die Frage: Warum ist unsere Region nicht in einem solchen Zustand, wo das Universum doch schon unendlich lang existiert?
Die offensichtliche Schlussfolgerung hiervon ist, dass unsere Fragestellung auf einer falschen Annahme basiert, nämlich der, dass das Universum schon unendlich lange existiert. Heute würden die meisten Physiker sagen, dass Materie und Energie einfach als Ausgangsbedingung in das Universum gelegt wurden und das Universum seit seinem Anfang vor endlich langer Zeit dem Weg gefolgt ist, den ihm der zweite Hauptsatz der Thermodynamik vorgibt.
Natürlich wurden schon Versuche unternommen, den Anfang des Universums zu umgehen, wie er auf Basis des zweiten Hauptsatzes der Thermodynamik vorausgesetzt wird. Doch keiner war erfolgreich. Skeptiker setzen ihre Hoffnungen vielleicht darauf, dass die Quantengravitationstheorie dazu helfen kann, die Implikationen des zweiten Hauptsatzes der Thermodynamik zu umgehen. Doch im Jahr 2013 konnte der Kosmologe Aron Wall von der Universität von Kalifornien ein neues Singularitätstheorem formulieren, das diese Möglichkeit zu vereiteln scheint. Wall belegt, dass das Universum – die Gültigkeit des verallgemeinerten zweiten Hauptsatzes der Thermodynamik vorausgesetzt – zu existieren begonnen haben muss, es sei denn man postuliert irgendwann in der Vergangenheit eine Umkehr des Zeitstrahls (die Zeit läuft rückwärts!), was, wie er richtig beobachtet, einen thermodynamischen Anfang mit sich bringt, der „die gleichen philosophischen Fragen zur Folge hat wie jede andere Art Zeitanfang.“[8] Wall berichtet, dass seine Ergebnisse nur die Gültigkeit von bestimmten grundsätzlichen Konzepten benötigen, sodass es „vernünftig ist zu glauben“, dass die Ergebnisse auch in einer vollständigen Quantengravitationstheorie bestehen bleiben.“
Somit bestätigen naturwissenschaftliche Belege also auch hier, dass die zweite Prämisse des kosmologischen Argumentes von Ghazali wahr ist.
Schlussfolgerung
Wir haben also auf der Grundlage sowohl philosophischer als auch naturwissenschaftlicher Belege gute Gründe, daran zu glauben, dass das Universum anfing zu existieren. Daraus folgt, dass das Universum eine Ursache für seinen Anfang hat.
Welche Eigenschaften muss diese Ursache des Universums besitzen? Diese Ursache muss selbst ohne Ursache sein, da wir gesehen haben, dass eine unendliche Abfolge von Ursachen unmöglich ist. Sie ist also die Erstursache ohne Ursache. Sie muss über Raum und Zeit hinausgehen, da sie Raum und Zeit geschaffen hat. Deshalb muss sie auch immateriell und nicht-körperlich sein. Sie muss unvorstellbar mächtig sein, da sie alle Materie und Energie geschaffen hat.
Außerdem muss diese nicht-verursachte Erstursache ein persönliches Wesen sein. Nur so lässt sich erklären, wie eine zeitlose Ursache eine zeitliche Wirkung mit einem Anfang, wie das Universum, erzeugen kann.
Hier ist das Problem: Wenn eine Ursache ausreichend beschaffen ist, eine Wirkung zu erzeugen, dann muss, wenn die Ursache da ist, die Wirkung auch da sein. Beispielsweise gefriert Wasser, wenn die Temperatur unter null Grad Celsius liegt. Die Ursache dafür, dass das Wasser gefriert, ist, dass die Temperatur unter null Grad sinkt. Wenn die Temperatur immer schon unter null gewesen wäre, wäre alles Wasser von Ewigkeit her gefroren. Es wäre unmöglich, dass das Wasser vor einer endlichen Zeit angefangen hätte zu gefrieren. Nun existiert die Ursache des Universums aber permanent, da sie zeitlos ist. Warum existiert dann das Universum nicht auch permanent? Warum ist es erst vor 14 Milliarden Jahren entstanden? Warum ist es nicht so permanent wie seine Ursache?
Ghazali behauptete, dass die Antwort hierauf darin liegen muss, dass die Ursache ein persönliches Wesen mit freiem Willen ist. Die Erschaffung des Universums war seine freiwillige Handlung, die unabhängig von jeglichen bereits bestehenden Verhältnissen ist. Daher kann sein Schöpfungsakt etwas Spontanes und Neues sein. So sind wir nicht nur bei einer transzendenten Ursache des Universums angelangt, sondern seinem persönlichen Schöpfer.
Diese Vorstellung fällt uns zugegebenermaßen schwer. Doch man kann es sich beispielsweise so vorstellen: Gott existiert als gleichbleibendes und zeitloses Wesen ohne das Universum. Sein freiwilliger Schöpfungsakt ist ein temporales Ereignis, das zeitgleich mit dem Entstehen des Universums stattfindet. Gott begibt sich also in die Zeit, als er das Universum erschafft. Gott ist ohne das Universum also zeitlos und mit dem Universum innerhalb der Zeit.
Ghazalis kalam-kosmologisches Argument liefert uns also triftige Gründe dafür, an die Existenz eines gleichbleibenden, immateriellen, enorm mächtigen persönlichen Schöpfers des Universums zu glauben, der keinen Anfang und keine Ursache hat und über Zeit und Raum steht.
William Lane Craig
(Übers.: J. Booker)
Link to the original article in English: http://www.reasonablefaith.org/popular-articles-the-kalam-cosmological-argument



 Anmerkungen
[1] „Das Cambridge-Begleitbuch zum Atheismus“; Zitat hier aus dem Englischen übersetzt (Anm. d. Übers).
[2] Nach Al-Ghazali, Kitab al Iqtisad fi’l-I’tiqad, zitiert in S. de Beaurecueil, „Gazzali et S. Thomas d’Aquin: Essai sur la preuve de l’existence de Dieu proposée dans l’Iqtisad et sa comparaison avec les “voies” Thomiste“, in: Bulletin de l’Institut Francais d’Archaeologie Orientale 46, 1947, S. 203.
[3] Nach Christopher Isham, „Creation of the Universe as a Quantum Process“, S. 378.
[4] Kosmogonie = Teildisziplin der Kosmologie, die sich auf die wissenschaftliche Erforschung der Entstehung des Universums fokussiert.
[5] En. „Grim Reaper paradox“. Einige weitere Gedanken zu dem "Sensenmann-Paradoxon" von Pruss und Koons finden sich in "Frage der Woche 422" (siehe hier: http://www.reasonablefaith.org/grim-reaper-paradox), sowie in der dort zitierten Literatur. (Anm. d. Übers.)
[6] Nach Audrey Mithani und Alexander Vilenkin, “Did the universe have a beginning?” arXiv:1204.4658v1 [hep-th] 20. Apr. 2012, S. 5. Unter http://www.youtube.com/watch?v=NXCQelhKJ7A (aufgerufen 12.Sept. 2015), finden Sie ein Video, in dem Vilenkin schlussfolgert: „Derzeit gibt es keine zufriedenstellenden Modelle für das Universum ohne einen Anfang“.
[7] Nach A. Vilenkin, zitiert in „Why physicists can’t avoid a creation event“, von Lisa Grossman, New Scientist (11. Januar 2012).

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